Die Präsenz von Qualzuchten auf Social Media und warum sie ein Problem ist

Ich sitze vor meinem Bildschirm, scrolle durch diverse Social Media Plattformen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Aber der Content, der mir angezeigt wird, ist überall erschreckend gleich. Hier ein süßes Tiervideo, da ein goldiges Bild mit Kätzchen oder Hund. Und überall sind sie präsent: Die Qualzuchten.

Unter Qualzuchten versteht man Tiere, die so gezüchtet sind, dass den Tieren durch die gezielte Zucht Körperteile fehlen oder sie die Körperteile nicht für den artgerechten Gebrauch einsetzen können. Es sind Tiere, die unter vermeidbaren Schmerzen leiden und deren Optik zu Leid führt. Wie Qualzuchten genau gesetzlich definiert sind, ist in §11b Tierschutzgesetz nachzulesen. Betroffene Tiere sind beispielsweise die Munchkin Katze mit den süßen kurzen Beinen, Nacktkatzen ohne Vibrissen, Scottish Fold Katzen mit den goldigen gefalteten Ohren, brachyzephale Perser und Exotic Shorthair mit kurzen Nasen oder auch Mops, Französische Bulldogge und co. 

Als wäre es nicht schlimm genug, dass Tiere einer Qualzuchtrasse unter Umständen ihr Leben lang unter Schmerzen leiden, wird für diese Tiere auf verschiedenste Art und Weise Werbung gemacht. Einen großen Bestandteil stellen hierbei leider die Sozialen Medien dar. Egal wo man hinschaut, die Qualzuchttiere sind überall. Bei Influencern, bei Bloggern, bei internationalen Stars. Es gibt so viele Bilder und Videos, dass man zwangsweise auf diese Tiere aufmerksam wird. Und das ist in erster Linie auch gar nicht schlimm, denn natürlich sind diese Tiere süß und man kann sich an Bildern und Videos von ihnen erfreuen. 

Das eigentliche Problem ist, dass die sozialen Medien Qualzuchten verherrlichen. Es sind in erster Linie noch nicht einmal (nur) die einzelnen Besitzer:innen, die diese Verherrlichung begünstigen, es ist viel mehr die breite Masse an Qualzucht Content. 

Wieso die Omnipräsenz von Qualzuchten ein so großes Problem sein kann, ist eigentlich ganz einfach dargestellt. Wir versetzen uns dafür in die Rolle eines jungen Mädchens, das sich gerne süße Tiervideos anschaut. Sie möchte sowieso schon seit längerem eine Katze und versucht ihre Eltern dazu zu überreden, dass sie eine Mieze adoptieren darf. Jetzt scrollt sie wie jeden Nachmittag über diverse Plattformen und sieht mal wieder einige Videos von diesen ultrasüßen Katzen mit dem Knickohren. So eine hätte sie ja gerne, denn wie knuffig sehen die Babys bitte aus? Sie zeigt ihren Eltern ganz viele Videos und auch ihre Mutter muss sich eingestehen, dass Scottish Fold Katzen ja ganz goldig sind – und was man so über den Charakter der Rasse liest… ja, das könnte zu ihrer Tochter passen. Vielleicht, aber nur ganz vielleicht, werden sie sich eine solche Katze anschaffen.

Auch eine andere junge Frau schaut sich gerne Hundecontent auf Instagram an und folgt einigen Profilen, die Französische Bulldoggen haben. Auch in ihrem Bekanntenkreis kennt sie den ein oder anderen Frenchie und jetzt sieht sie auch noch täglich Bilder von den Hunden auf ihrem Bildschirm. Alle erzählen, was für tolle Tiere das sind. Auf der Rangliste der beliebtesten Hunde von 2020 und 2019 sind sie sogar auf Platz 4  (vgl. Tasso) – kein Wunder, sie haben ja auch einen liebenswerten Charakter und die kurze Schnauze und die großen Knopfaugen sehen sooo süß aus. Eigentlich spielt sie ja schon lange mit dem Gedanken, sich einen Hund zu kaufen. Naja, wenn sie sich irgendwann dafür entscheiden wird, dann wird es auf jeden Fall eine Französische Bulldogge – was anderes kommt gar nicht in Frage.

Die Gemeinsamkeit zwischen dem kleinen Mädchen und der jungen Frau ist, dass sie in den Sozialen Medien ein häufig ausschließlich positives Bild von Qualzuchtrassen vermittelt bekommen. Über die gesundheitlichen Risiken und Probleme der Tiere spricht niemand, wie sehr die Tiere unter Umständen leiden sowieso nicht. Qualzuchtrassen, denen auf diversen Plattformen wahnsinnig viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, werden gesellschaftlich normalisiert. Sie sind überall, gefühlt jeder hat eine Qualzucht zuhause auf dem Sofa liegen und dann sind da noch die ganzen süßen Bilder. Als potentieller Interessent wirkt im ersten Moment alles harmonisch, und vermutlich auch noch im dritten und im vierten Moment. Durch die gesellschaftliche Normalisierung dieser Tiere kommt der Tierliebhaber am Bildschirm gar nicht erst auf den Gedanken, dass mit den Tieren etwas nicht stimmen könnte – denn die sozialen Medien vermitteln doch ein durchweg positives Bild. 

Selbstverständlich liegt nicht die ganze Verantwortung bei den sozialen Medien und der Präsentation von Qualzuchttieren, denn (künftige) Tierbesitzer:innen tragen einen großen Teil Verantwortung, sich vor der Anschaffung eines Tieres ausgiebig zu informieren. Doch der Einfluss der sozialen Medien auf die Nachfrage von Qualzuchtrassen ist nicht unterschätzen.

Die steigende Nachfrage nach solchen Tieren stellt ein bedeutendes Problem im Bereich des Tierschutzes dar. Selbstverständlich haben auch Qualzuchttiere ein Recht auf ein liebevolles Zuhause, fürsorgliche Besitzer:innen und viel Liebe und Zuneigung, doch mit jedem Kauf einer Qualzuchtrasse steigt die Nachfrage nach den Tieren. Und eine steigende Nachfrage führt bekannterweise zu einem steigenden Angebot: Je mehr Personen also Qualzuchttiere kaufen, desto mehr Qualzuchttiere werden gezüchtet. Ergo: Es existieren immer mehr Qualzuchten, also unschuldige Tiere, die auf Grund von menschlichem Eingreifen in ihre Optik leiden müssen. 

Wir schlussfolgern also, dass die Sozialen Medien einen bedeutenden Einfluss auf die Nachfrage nach Qualzuchten haben. Doch was kann dagegen getan werde? Eine mögliche Lösung wäre natürlich, keine Qualzuchten mehr in den sozialen Medien zu zeigen. Aber haben nicht jede Besitzerin und jeder Besitzer eines Tieres ein Recht darauf, stolz Bilder von den eigenen Lieblingen zu zeigen? Haben nicht jeder Nutzer und jede Nutzerin der sozialen Medien ein Recht darauf die schönen Momente gemeinsam mit Haustier zu teilen, ganz egal um welche Rasse oder um welches Tier es sich handelt? 

Das ist richtig: Und dennoch können Besitzer:innen solcher Tiere Einfluss darauf nehmen, dass Qualzuchtrassen nicht noch populärer werden. Das Stichwort nennt sich Aufklärung. Aufklärung kann auf viele verschiedene Arten erfolgen: Beispielsweise indem sich Besitzer:innen zu den gesundheitlichen Problemen äußern oder indem sie mögliche Interessenten der Rasse aufklären. 

Und mindestens genauso wichtig ist es, dass gesundheitliche Probleme von Qualzuchten nicht verniedlicht werden. Das Schnarchen eines Mopses oder das Humpeln einer Faltohrkatze als goldig darzustellen ist schlichtweg falsch: Denn in dem scheinbar so goldigen Moment leidet das Tier auf Grund von bewusst gezüchteten Merkmalen. Das ist nichts, worauf der Mensch stolz sein sollte. Ganz im Gegenteil.

Ja, die sozialen Medien mögen die Nachfrage nach Qualzuchten steigern. Ja, die sozialen Medien mögen Qualzuchten verherrlichen und zum Kauf eines solchen Tieres anregen. Aber es muss nicht so bleiben. Jeder einzelne hat es selbst in der Hand, etwas zu verändern. Die eigene Stimme zum Wohl der Tiere zu erheben und zu sagen: So geht das nicht. Jede und Jeder kann die eigene Möglichkeit nutzen aufzuklären. Und vielleicht schaffen wir es dann ja, dass soziale Medien keine Plattform der Qualzuchtverherrlichung sind, sondern viel mehr eine Plattform der sachlichen und konstruktiven Aufklärung. 

 

Tausend Dank an Frauke, die Autorin dieses wichtigen Beitrages! Mehr von Frauke und ihren 3 Stubentigern findest du auf Instagram @neoandfluffy und auf neoandfluffy.blogspot.com

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